Tagungsanliegen

Anwaltsorientierung im Studium: Aktuelle Herausforderungen und neue Perspektiven

Nach intensiver Debatte ist die Juristenausbildung im Jahr 2003 grundlegend reformiert worden. Die Studieninhalte (§ 5a Abs. 3 S. 1 DRiG) sowie die staatlichen und universitären Prüfungen (§ 5d Abs. 1 S. 1 DRiG) müssen seitdem die rechtsberatende Praxis berücksichtigen, einschließlich der hierfür erforderlichen Schlüsselqualifikationen. Um die vom Gesetzgeber angestrebten Ziele einer stärkeren Berücksichtung der Praxisbezüge auch tatsächlich zu erreichen, musste dieser äußeren Reform noch eine innere Reform des Jurastudiums und der Prüfungen nachfolgen. Die juristischen Fakultäten und staatlichen Prüfungsämter waren deshalb 2003 aufgerufen, die Reform mit Leben zu füllen.

Dieser Prozess, so ist zwölf Jahre nach der Gesetzesreform festzustellen, ist keineswegs abgeschlossen: Wie bereits vor der Reform 2003 gibt es Lehrveranstaltungen zur Rechtsgestaltung im Zivilrecht. Sie werden heute vor allem durch berufsfeldbezogene Schwerpunktbereiche ergänzt, die von einigen Fakultäten angeboten werden. Die Universitäten stellen zudem vermehrt Praktiker als Lehrbeauftragte ein. Auf diese Weise vermitteln sie den Studierenden frühzeitig Einblicke in den juristischen Berufsalltag. Vielerorts finden sich zudem Mootcourts; studentische Rechtsberatung ist ebenfalls keine absolute Seltenheit mehr.

Diese Veränderungen können jedoch nur ein erster Anfang sein. An nahezu allen Jurafakultäten besteht Verbesserungsbedarf. Noch gelten praxisorientierte Studieninhalte den Fakultäten als besondere Pro­filierungs- oder gar als Alleinstellungsmerkmale – und nicht als Selbstverständlichkeit. Insbesondere fehlen Praxisbezüge im Pflichtfachstudium: Auf allen Gebieten des Studiums (im Zivil-, Straf- und  Öffentlichen Recht) findet die Anwaltsorientierung zu wenig Berücksichtigung. In den Prüfungen des Grund- und Hauptstudiums sowie des Staatsexamens bilden praktische Bezüge seltene Ausnahmen.

Insgesamt hat der Gedanke der Anwaltsorientierung noch nicht im gewünschten Maße in der Ausbildungswirklichkeit Einzug gehalten. Es gibt vielleicht sogar eine Tendenz zum Rückzug und zur Nischenbildung. In vielen Fakultäten scheint man nämlich der Meinung zu sein, die Ausbildungsreform sei erfolgreich abgeschlossen. Zudem könne angesichts der drängenden Probleme der Massenuniversität die Praxisorientierung allenfalls an der Peripherie des Studienbetriebes stattfinden. Mehr noch: Es besteht sogar die Gefahr, dass das Ausbildungspendel zurückschlägt, da nicht nur der Deutsche Juristenfakultätentag, sondern auch die Anwaltschaft eine Abschaffung der Schwerpunktbereichsausbildung und der Schlüsselqualifikationen fordern – also gerade desjenigen Teils, der von der praxisbezogenen Reform bisher am meisten profitiert hat.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung? Wie lässt sich die Anwaltsorientierung im Studium und in den Prüfungen nachhaltig verbessern? Können Wissenschaft und Praxis erfolgreich miteinander verbunden werden? Müssen neue Wege beschritten werden, um das Ziel einer praxisorientierten Juristenausbildung zu erreichen?

Das sind die Fragen, die auf der 12. Soldan Tagung in Bielefeld gestellt und gemeinsam beantwortet werden sollen. Es geht dabei – wie 2003 – um die inhaltliche Neuausrichtung des Studiums, bezogen auf Fragen der Berufsfeldorientierung, der Schlüsselqualifikationen und der Schwerpunktbereichs­ausbildung. Zusätzlich sollen Möglichkeiten zur Innovation des Jurastudiums (Stichwort: Clinical Legal Education, Mock Trials, juristische Planspiele) in den Blick genommen werden.

Alle, die Verantwortung für die Juristenausbildung tragen, sind herzlich zur 12. Soldan Tagung eingeladen.

© 2017 Fakultät für Rechtswissenschaft » geändert 28.09.2015 von Julian Adams

Institut für Anwalts- und Notarrecht

Soldan Stiftung